Startseite
zurück zur Übersichtvorheriger Artikelnächster Artikel
Artikel 251 von 300

:: "Die Uhr steht wieder auf Null"

"Wir produzieren hier pro Kopf 3900 Kalorien täglich, brauchen aber nur 2400. Also schmeißen wir den Rest weg - oder werden fett."
Robert Lawrence, Professor für Gesundheitswesen an der Johns-Hopkins-Universität, Baltimore
Greenpeace-Experte Christoph Then über Gen-Pflanzen der Zukunft und ihren Nutzen für die Verbraucher im "Greenpeace Magazin 6/04.

GPM: Die Industrie kündigt eine zweite Generation genmanipulierter Pflanzen an, die den Verbrauchern Nutzen bringen sollen. Was ist davon zu halten?
CHRISTOPH THEN: Mir gefällt daran, dass die Agro-Konzerne damit offen zugeben, dass das bisher nicht der Fall war. Die jetzt angebauten Gen-Pflanzen dienen meist als Futtermittel, es geht ausschließlich um eine angebliche Kostenersparnis für die Landwirte. Die Markteinführung der ominösen zweiten Generation binnen fünf Jahren hatte die Industrie bereits 1999 angekündigt - jetzt wurde die Uhr also wieder auf Null gestellt. Es scheint eine Ankündigungs-Generation zu sein, die sich so bald nicht materialisiert.


GPM: Die versprochenen Neuerungen klingen doch gut: Süßere Äpfel, gesündere Salate, Möhren, die extralange bissfest bleiben.
CHRISTOPH THEN: Ich finde, das klingt eher bemüht. Wer braucht denn so was? Die Industrie sucht händeringend nach positiv klingenden Beispielen, um Akzeptanz für die Gentechnik zu schaffen, die es im Moment nicht gibt.


GPM: Brächten vitaminreichere Früchte und Ölpflanzen mit gesünderer Fettsäurezusammensetzung nicht echte Gesundheitsvorteile?
CHRISTOPH THEN: Von Zweifeln an der Realisierbarkeit einmal abgesehen, sind solche Manipulationen wissenschaftlich höchst umstritten - selbst die nicht so gentech-kritische Europäische Kommission warnt davor. So könnten Zusatzstoffe wie Vitamine in unseren täglichen Lebensmitteln zu Überdosierungen führen. All diese Gesundheitsverheißungen werden bewusst verbreitet, um das Herumdoktern am Erbgut von Nutzpflanzen zu legitimieren. Uns wird suggeriert, herkömmlich erzeugte Lebensmittel reichten nicht aus, um unsere physiologischen Ernährungsbedürfnisse zu befriedigen. Das ist natürlich Unsinn.


GPM: Gegen koffeinfreien Kaffee, allergenfreies Getreide oder Kartoffeln, die beim Frittieren weniger Fett aufnehmen, wäre doch eigentlich nichts einzuwenden.
CHRISTOPH THEN: Das meiste lässt sich viel einfacher mit herkömmlicher Züchtung oder bei der Verarbeitung erreichen. Und die Forschung an allergenfreiem Reis wurde inzwischen eingestellt, weil sich das Ziel als zu komplex erwies. An der Eiweißproduktion sind viele Gene beteiligt. Deshalb können die Firmen nicht garantieren, dass keine Spuren der allergenen Eiweiße in den Pflanzen enthalten wären - das Risiko wäre für sie viel zu groß.


GPM: Impfbananen sollen künftig gegen Hepatitis, Durchfall, Cholera und Kinderlähmung schützen, wo klassische Impfkampagnen versagen.CHRISTOPH THEN: Es ist sehr fraglich, ob es Impfbananen oder ähnliches je geben wird. Auch die Forschung an so genannten "pharm crops", Nahrungspflanzen wie Mais oder Gerste, die durch gentechnische Eingriffe Wirkstoffe für die Pharmaindustrie bilden, ist extrem umstritten. Wie soll verhindert werden, dass es zu Auskreuzungen kommt und die Wirkstoffe ungewollt ins Essen gelangen? Die meisten Pharmakonzerne haben sich deshalb bereits aus der Grünen Gentechnik zurückgezogen.


GPM: Paradebeispiel der neuen Gentechnik-Generation ist der "Goldene Reis", der kostenlos an Kleinbauern verteilt werden soll.
CHRISTOPH THEN: Die Idee, Reissorten mit erhöhtem Beta-Carotin-Gehalt - einer Vorstufe von Vitamin A - zu entwickeln, klingt natürlich gut. Dessen Konsum soll gefährlichen Mangelerscheinungen vorbeugen, die in Asien bei Millionen Kindern zur Erblindung führen. Aber die Erwartungen an eine Steigerung des Beta-Carotin-Gehaltes haben sich nicht erfüllt: Anfangs wurden offenbar Spitzenwerte publiziert, und es ist bisher nicht gelungen, annähernd hohe Werte dauerhaft zu erreichen. Neuere Untersuchungen zeigen teilweise sogar einen Rückgang des Beta-Carotin-Gehaltes. Der Mangel könnte ohnehin mit anderen Methoden viel effektiver bekämpft werden, etwa indem man vor Ort eine ausgewogene Ernährung fördert.


GPM: Wieso gibt es trotz der milliardenschweren Forschung so viele Misserfolge?
CHRISTOPH THEN: Wenn Pflanzen eine ganz neue Substanz liefern sollen, muss grundlegend in ihren Stoffwechsel eingegriffen werden, und das ist sehr kompliziert. Der gewünschte Inhaltsstoff muss nicht nur produziert, sondern auch gespeichert werden und darf dabei andere wichtige Stoffe nicht verdrängen. Der Goldene Reis zeigt dabei, wie wenig die Wissenschaft die Vorgänge und Wechselwirkungen bisher versteht. Ursprünglich hatte man eine rote Färbung erwartet; keiner weiß, warum die Körner dann gelb wurden. Man hat die Erfindung als heilbringenden Erfolg verkauft, ohne die Technologie zu beherrschen - ein Baustein einer groß angelegten PR-Kampagne. Die Gentech-Konzerne präsentieren sich, als hätten sie vor allem das Wohl der Menschheit im Sinn. Das ist für mich ein Gehirnwäscheversuch, der seinesgleichen sucht.


GPM: Als eines der ersten Gen-Produkte mit Verbrauchernutzen machte die "Anti-Matsch-Tomate" in den 90er Jahren Furore. Warum hört man gar nichts mehr von ihr?
CHRISTOPH THEN: In den USA gab es sie ja schon tatsächlich zu kaufen. Man hatte erwartet, dass die Leute es toll finden, wenn sie ihre Tomaten ruhig wochenlang liegen lassen können. Dummerweise hatte man zwar die Konsistenz beeinflussen können, nicht aber den Geschmack. Die Tomaten sahen nach ein paar Tagen zwar noch gut aus, schmeckten aber nicht mehr. Außerdem gab es Probleme bei der Ernte. Der Anbau der Anti-Matsch-Tomate wurde sang- und klanglos wieder eingestellt, die Firma ist inzwischen pleite.


GPM: Was für Gen-Pflanzen können wir denn in nächster Zeit im Supermarkt erwarten?
CHRISTOPH THEN: Derzeit ist kein Produkt in der Pipeline, das den Verbrauchern einen Nutzen bringen würde. Die Branche ist längst nicht so innovativ, wie sie den Anschein erweckt. Auch die erste Generation macht Schwierigkeiten: Der Pestizideinsatz steigt zum Beispiel beim Gen-Sojaanbau in den USA und Argentinien wieder stark an, weil sich Resistenzen gebildet haben. Die Grüne Gentechnik ist eine veraltete Technologie, die so grob gestrickt ist, dass ungewollte Nebenwirkungen die Regel und Risiken nicht kontrollierbar sind. Es sieht ganz danach aus, als sei sie ein Auslaufmodell.


GPM: Was sind denn die Alternativen?
CHRISTOPH THEN: Die klassische Züchtung ohne direkten Eingriff ins Erbgut hat uns eine riesige Sortenvielfalt beschert und entwickelt sich noch ständig weiter, Stichwort "smart breeding". Die neuen Methoden fußen auf der Nutzung der natürlichen Biodiversität, greifen dabei aber auf Verfahren der modernen Biotechnologie zurück. So kann man durch Gendiagnose erkennen, ob eine Pflanze zum Beispiel das Gen für eine bestimmte Resistenz trägt und muss dies nicht auf dem Feld in aufwändigen Anbauversuchen testen. Bei wichtigen Produkten - zum Beispiel virusresistenten Zuckerrüben, widerstandsfähigem Cassava oder Reis mit höheren Erträgen - hat die moderne konventionelle Züchtung die Gen-Saaten längst überholt.
Quelle:
Greenpeace Magazin 6/04 - Wolfgang Hassenstein
zurück zur Übersichtvorheriger Artikelnächster Artikel
Artikel 251 von 300

Auch im Social Web

facebook twitter youtube

Schriftgröße wählen

normal mittel gross

Suche

Buchtipp

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Der+hungrige+Planet+,34,a19357.html

Norbert Blüm

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Ehrliche+Arbeit,34,a18693.html

Wie der Mensch denkt

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Wie+der+Mensch+denkt,34,a17479.html

Buchtipp

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Konzepte+fuer+die+Zukunft,34,a16563.html

Buchtipp

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,STOeRFALL+ATOMKRAFT,34,a15651.html

HÖRZU Zukunftsreport

"Der Global Deal"

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Wir+wissen-+was+zu+tun+ist.+Was+fehlt-+ist+der+politische+Wille,34,a13698.html

Die Herausforderung globaler Nachhaltigkeit

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Die+Herausforderung+globaler+Nachhaltigkeit+annehmen+,34,a15057.html

Neues Denken für eine Welt im Umbruch

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Hans-Peter+Duerr+wurde+80+Jahre+und+zeigt+%E2%80%9EWarum+es+ums+Ganze+geht%E2%80%9C,34,a13968.html

Der Film im Internet

http://de.sevenload.com/playlists/hwnaOiH/play

TV-Tipp | Quarks & Co

Das Ende des Öls mehr
WebTV mehr

Stirbt die Artenvielfalt?

Teil 1: mehr Teil 2: mehr

Teil 3: mehr Teil 4: mehr

Teil 5: mehr Teil 6: mehr

Teil 7: mehr Teil 8: mehr

Newsletter (ab)bestellen

http://www.sonnenseite.com/Newsletter,67.html

Newsletterversand kajomi.de

Jeden Sonntag einen kostenlosen NEWSletter

Bigi+Franz Alt
Chris Alt