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Interview 6 von 142

:: Die Hungermacher

„Dann muss man auch mal Stellung beziehen.“ Der Journalist und Buchautor Harald Schumann, 54, hat für foodwatch den Report „Die Hungermacher“ verfasst. Sonst arbeitet er als Redakteur beim Tagesspiegel in Berlin. Im foodwatch-Interview spricht Schumann über seine Erfahrungen mit Finanzspekulanten, Überraschungen bei der Recherche und über journalistische Neutralität.

Harald Schumann, wie sind Sie bei Ihrer Recherche für den „Hungermacher“-Report vorgegangen?

Am Anfang stand die „Heuhaufenphase“: Material sichten und Informationen zusammentragen. Fast zwei Monate habe ich mich in wissenschaftliche Studien vertieft. Im zweiten Schritt kam die Kontaktaufnahme zu Experten. Vor allem Organisationen und Insider aus den USA und Großbritannien, wo die Debatte bereits viel weiter ist, haben mir geholfen. Zum Beispiel die Organisation Better Marktes – gegründet von einem ehemaligen Hedgefonds-Manager.

 

Ein halbes Jahr ließen Sie sich für die Recherche von Ihrer Redakteursstelle beim „Tagesspiegel“ freistellen…

…was eine großartige Gelegenheit war. Es ist ja ein echtes Problem: Welcher Journalist hat im hektischen Redaktionsalltag schon die Möglichkeit, ein so komplexes Thema wirklich umfassend zu untersuchen – und es so zu erklären, dass man es möglichst auch als Laie versteht?

 

Von Journalisten wird Neutralität erwartet, nun haben Sie im Auftrag einer Verbraucherorganisation gearbeitet – war das ein Problem?

Es gibt Situationen, in denen man als Journalist klar Stellung beziehen muss. Wenn Investmentbanken ohne jeden volkswirtschaftlichen Nutzen im großen Stil das Sparguthaben von Menschen wie Ihnen und mir dazu nutzen, um mit Agrar-Rohstoffen zu spekulieren, und das dazu führt, dass wehrlose Menschen Hunger leiden – dann muss man auch mal Position beziehen. Ich konnte ergebnisoffen an die Recherche gehen. foodwatch hat keine Vorgaben gemacht – und ich hätte das auch nicht akzeptiert.

 

Was hat Sie bei Ihrer Recherche am meisten überrascht?

Anfangs hatte ich erwartet, auf geheime Hinterzimmer-Absprachen zu stoßen. Aber nein: Die Rohstoff-Geschäfte laufen ganz öffentlich ab. Die beteiligten Finanzinstitute machen sogar Werbung dafür.

 

Und doch versteht kaum einer die Auswirkungen.

Das ist genau das Problem. Die Branche versteckt sich hinter einer absichtlich konstruierten Komplexität und behauptet immer, es gäbe keine Beweise, dass Spekulationsgeschäfte Hunger verursachen. Ich muss zugeben: Am Anfang meiner Recherche war ich selber unsicher. Doch wir haben eindeutige Belege dafür gefunden, dass die ausufernden Rohstoff-Wetten eine katastrophale Fehlentwicklung an den Märkten sind – und verheerende Folgen für die Ärmsten haben.

 

Welche Reaktionen gab es auf Ihre Arbeit?

Viele Insider aus der Finanzbranche wollten mit mir zunächst nicht sprechen. Die einzelnen Händler verstehen oftmals die größeren Zusammenhänge und die Folgen ihrer Arbeit selbst nicht – und wollen es vielleicht auch nicht. Lieber redet man sich ein: Die Rohstoff-Spekulation hat keine Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise. Auch wenn diese Behauptung einer empirischen Überprüfung nicht standhält.

 

Dieses Interview ist in den foodwatch-Nachrichten 4/2011 erschienen. Die Informationsbroschüre mit aktuellen Themen erscheint vier Mal im Jahr und wird kostenfrei an Mitglieder verschickt. Seien auch Sie dabei und werden Sie Fördermitglied bei foodwatch!

 

Unter dem Motto „HÄNDE WEG VOM ACKER, MANN!“ startete foodwatch unter www.haende-weg-vom-acker-mann.de eine E-Mail-Aktion an Josef Ackermann, bei der Verbraucher diese Forderungen unterstützen können.

 

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